Mehr als nur eine Reise

Meine Reise geht von Stuttgart über Frankfurt, Reykjavik, Boston, New York und Philadelphia zu meinem endgültigen Ziel: Lancaster in Pennsylvania. Aber diese Reise ist anders. Diese Reise führt mich nicht nur zu einem Ziel auf der Landkarte, sondern ist ein Stück weit auch eine Reise zu mir selber. So komisch es sich auch anhört, ich muss herausfinden, wer ich wirklich bin. Wo Gott mich haben möchte, was das Ziel meines Lebens ist. Wo liegen meine Stärken, was sind meine Leidenschaften? Das sind alles Fragen die ich beantworten muss um zu wissen wie mein Leben weitergehen soll. Aus diesem Grund habe ich mich für diese Reise entschieden.

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Island von oben

Ich werde zwei Wochen in Amish County leben. Ich wohne bei meiner guten Freundin Leah, die hier ein kleines Haus gemietet hat. Eigentlich hatte ich vor bei der Organisation „Swan for kids“ mitzuhelfen. Sie geben Kindern aus benachteiligten Familien Musikunterricht um ihnen einen Weg aus der Kriminalität zu zeigen. Diese Kindern haben mindestens einen Elternteil im Gefängnis und die Chancen stehen hoch, dass sie selber später ebenso im Gefängnis landen werden. Diese Organisation versucht aber diesen Kreislauf mit Hilfe von kostenlosem Musikunterricht zu unterbinden und den Kindern Hoffnung zu geben und ihnen zu zeigen, dass es noch einen anderen Weg gibt. Aber besagte Organisation hat mein deutsches Führungszeugnis wegen kurzfristig geänderten Satzungen nicht akzeptiert und mir nur zwei Tage vor meinem Flug Bescheid gegeben, dass ich doch nicht mithelfen kann. Ab sofort akzeptieren sie nur Führungszeugnisse die von Pennsylvania State ausgestellt worden sind. Aber egal, dann finde ich halt etwas Anderes, das ich tun kann während ich hier bin. Ich habe viele Freunde die hier leben und die ich besuchen kann.

Ich liebe reisen! Zumindest habe ich es mal. Bevor meine letzte Reise diese Leidenschaft kaputt gemacht hat, bin ich liebend gerne verreist. Alleine oder mit Freunden, mit dem Zug, Bus und Flugzeug. Ich habe es geliebt, neue Menschen kennenzulernen, Erfahrungen zu sammeln und Eindrücke zu gewinnen. Nun bin ich wieder auf einer Reise aber diesmal ist alles so anders.

Ich bin vor ungefähr einer Stunde endlich bei Leah in Lancaster, Pennsylvania angekommen. Das Haus in dem sie lebt ist wirklich sehr süß. Ich bin entzückt.

Die Reise dahin war jedoch sehr anstrengend. Als ich in Stuttgart in den ICE eingestiegen bin, der mich nach Frankfurt bringen sollte, war noch alles völlig in Ordnung. Ich war sehr aufgeregt und habe mich sehr auf dieses Abenteuer gefreut. So wie es normalerweise vor jeder Reise ist. Ich liebe reisen. Das habe ich zumindest mal. Ich arbeite jedoch gerade daran, diese Liebe zum Neuen zurück zu gewinnen.

Nach den ganzen Wochen die ich mich zu Hause versteckt habe, aus Angst vor dem Ungewissen und Neuem, habe ich mich entschlossen doch nochmal eine Reise zu wagen und mich dem zu stellen, wovor ich gerade am meisten Angst habe: dem Neuen.

Nach den ganzen Veränderungen in meinem Leben, sehne ich mich nach Stabilität. Etwas, das nicht direkt kaputt gehen kann. Träume – die in Erfüllung gehen, Pläne – die funktionieren.

Aber irgendwie fühle ich, dass ich diese Reise machen muss. Ich muss raus aus meiner Komfortzone, bevor ich mich zu sehr an sie gewöhnt habe.

In Frankfurt angekommen, verläuft alles erstmal super. Ich muss lange auf den ersten Flug warten, aber das ist kein Problem. Ich mag dieses Warten am Flughafen, besonders wenn ich alleine fliege. Ich liebe es, die Menschen zu beobachten und mir vorzustellen wohin sie gerade unterwegs sind und was der Grund ihrer Reise ist.

Der erste Flug geht nach Reykjavik. Island sieht von oben so schön aus, ganz anders als alles andere was ich bisher gesehen habe. Es ist schon das zweite Mal, das ich diese Reise mache.

Das erste Mal bin ich letzten Monat ebenso über Reykjavik nach Boston geflogen. Aber diesmal ist alles anders. Es wird mich keiner am Flughafen erwarten. Ich werde ankommen und mich auf den Weg zu meinem Bus Richtung Philadelphia machen.

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Grönland

Ich habe Angst vor dem Ungewissen, aber gleichzeitig muss ich es erleben, um endlich abschließen zu können mit der Vergangenheit. Es ist dieselbe Reise, aber das Ziel könnte verschiedener nicht sein.

In Reykjavik, habe ich nur wenig Zeit zum Umsteigen und muss mich beeilen. Das nächste Boarding hat bereits begonnen. Ich schaffe es aber noch rechtzeitig.

Der 6-Stunden Flug nach Boston ist sehr anstrengend. Mein ganzer Körper tut weh vom Sitzen, ich habe Hunger da wow-Airline keine Mahlzeiten serviert und mir ist heiß.

Im Anflug auf Boston fange ich an zu heulen. Boston ist so eine schöne Stadt, aber wenn man einsam ist, dann kann der schönste Fleck Erde etwas Grausames sein.

Ich gehe durch den Boarder Control und auf die gleichen Fragen wie letztes Mal, gibt es verschiedene Antworten.

Was machen Sie in Amerika? Freunde besuchen.

Was machen Sie beruflich? Habe mein Studium abgebrochen.

Ich muss selber lachen über diese Antwort. Mein ganzes Leben erscheint mir lächerlich. Wieso lebe ich eigentlich? Kann mich jemand gebrauchen? Ich kriege überhaupt Nichts auf die Reihe. Ich bin ein Nichts. Ein Opfer meines eigenen Lebens.

Dann öffnet sich die Schiebetür zum Ausgang und es ist keiner da.

Es erwartet mich keiner. Es gibt Niemanden, der sich über meine Ankunft freut. Ich fange an zu weinen. Heiße Tränen die über mein Gesicht laufen und mir die Sicht nehmen. Ich lasse meinen Tränen freien Lauf. Ich laufe mit meinem Trolley durch die wunderschöne Stadt, die mir einst so viel bedeutet hat und heule einfach. Ich ignoriere alle Leute die mich komisch anschauen, laufe bei Rot über die Straße und höre die hupenden Autos nicht.

Ich habe 5 Stunden Zeit, bis mein Bus Richtung Philadelphia abfährt. 5 Stunden und ich fühle mich so schrecklich einsam.

Die lange Reise macht sich langsam bemerkbar. Ich bin psychisch und physisch total am Ende. Ich habe fast 30 Stunden lang nicht geschlafen und mit Niemandem geredet. Ich bin emotional erschöpft und kann gar nicht mehr aufhören zu weinen.

Ich fühle mich schrecklich einsam. Was um alles in der Welt hat mich nochmal dazu bewegt diese Reise zu machen? Wieso tue ich mir das an?

Ich hätte einfach zu Hause bleiben können und mich weiter im Bett vergraben können.

Aber jetzt bin ich da und bin hungrig, müde und so schrecklich einsam. Ich weine wieder. Ich will meine Tränen gar nicht stoppen. Es tut so furchtbar weh an alles zu denken, das ich verloren habe und was ich hätte haben können. Aber andererseits tut es gut meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Es ist alles Teil von dem wichtigen Heilungsprozess den ich durchmachen muss.

„Gott hat dich doch noch nie verlassen, Franzi“, denke ich mir. „Auf Menschen ist kein Verlass, aber Gott, Er liebt dich und Er ist bei dir.“

„Jesus“, bete ich, „hilf mir doch bitte den Segen zu sehen, den du mir geschenkt hast. Alles was ich gerade sehe, sind die Dinge die anders hätten ablaufen können. Ich sehe Menschen, die so glücklich sind und bei denen alles perfekt läuft. Hilf mir doch bitte die Dinge zu sehen, mit denen du mich gesegnet hast. Hilf mir bitte deinen Segen zu erkennen.“

Die Tränen nehmen gar kein Ende und ich drehe bald durch, also springe ich auf und gehe nach draußen. Ich muss raus, an die frische Luft. Vielleicht hilft es mir.

Kaum trete ich auf die Straßen, sprechen mich fragwürdige Gestalten an. Ob ich ein Taxi brauche? „Nein“, antwortet ich und gehe weiter. Wenige Schritte weiter, spricht mich ein weiterer Typ an. Ich bin zu müde und zu erschöpft um zu verstehen was er will. Achso, er braucht Geld um nach Hause zu kommen. „6 Dollar? Habe ich nicht, habe nur 20“. „Das geht auch“, sagt er, nimmt mir das Geld ab und will weg gehen. „Moment mal, gib mir wenigstens 10 Dollar zurück“. Er hat nur 7 Dollar, die er mir in die Hand drückt.

Na super, ich bin so ein Idiot. Verwirrt und sauer auf mich selber, fange ich wieder an zu heulen. Wieso denkt jeder, ich bin Teil der Bahnhofsmission oder so. Ständig spricht mich jemand an und will irgendwas von mir. Und ich bin auch so blöd und gebe ihnen immer was. Jetzt bin ich nicht nur enttäuscht über das Leben, sondern hasse mich auch selber. Ich bin so blöd!

13 Dollar weniger in der Tasche gehe ich wieder in das Gebäude. Was für ein Erfolg. Ich kann mich nicht mehr erinnern, weswegen ich diese Reise mache. Was für eine blöde Idee.

Ich bin eigentlich fertig mit dem Leben. Es gibt absolut nichts mehr, was ich sehen möchte.

Irgendwann schlafe ich vor Erschöpfung ein. Nach einer halben Ewigkeit kommt endlich der Bus. Noch 8 Stunden Fahrt mit Umsteigen in New York, dann bin ich endlich in Philadelphia angekommen. Auf der Fahrt, mehr Tränen, mehr Wut auf mich selber, mehr Traurigkeit.

In Philadelphia holt Leah mich ab und schlagartig geht es mir besser. Endlich kann ich wieder mit Jemandem reden. Jemand, der mir zuhören wird. Wir fahren nach Hause, reden viel, lachen auch. Unterwegs bleiben wir an einem Waffle House stehen und ich bestelle mir eine Erdnussbutter-Waffel und Kaffe. Ich weiß gar nicht wann ich das letzte Mal etwas Anständiges gegessen habe.

Es ist ca. halb 8 morgens, als wir endlich bei ihr zu Hause ankommen.

Über 30 Stunden sitzen, ohne Schlaf, Essen oder der Möglichkeit mit Jemandem zu reden und endlich bin ich am Ziel. Und auf einmal sieht alles gar nicht mehr so schwarz aus. Langsam kommt die alte Liebe wieder zurück. Neue Orte, neue Menschen, neue Möglichkeiten… Ich freue mich drauf.

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Leahs kleines Häuschen
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Von Außen sieht es jetzt nicht so besonders aus, aber der Inhalt zählt ❤ 
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Mein Bett und „Arbeitsplatz“
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Ok, extra aufgeräumt habe ich jetzt nicht bevor ich die Bilder gemacht habe 🙂 Oben schlafe ich.

Stay tuned, Fortsetzung folgt 🙂

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